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Die Eisenbahnerkantine in der Goldbacher Straße 51

Leberkäsweck und Limo

Die Eisenbahnerkantine in Aschaffenburg kenne ich seit meiner Kindheit. Ich bin in der Österreicher Kolonie in der Nähe des Österreicher Denkmals aufgewachsen, als Sohn eines Eisenbahners. Mein Großvater war bei der Eisenbahn, mein Onkel war bei der Eisenbahn. In der Österreicher Kolonie, eingegrenzt von der Bahnlinie von Aschaffenburg nach Goldbach, von der Bahnlinie nach Miltenberg und von der Hauptstrecke nach Würzburg und Nürnberg, wohnten sehr viele Eisenbahner und Postler, teils in Siedlungshäusern, teils in bahn- und posteigenen Wohnblocks. Von meinem Zimmer im Dachgeschoß in der Tiroler Straße hörte ich die Züge nach Würzburg, wenn ich sie bewusst hören wollte. Ansonsten überhörte ich den Bahnlärm, er gehörte zum Alltag. Wir spielten am Österreicher Denkmal, keine zehn Meter von den Bahngleisen entfernt. Als die Güterzüge nach Goldbach noch fuhren, so in den 1960er Jahren, legten wir manchmal an dem unbeschränkten Bahnübergang bei den Kleingärten Ein-Pfennig-Münzen auf die Bahngleise. Diese wurden von den Güterwagen flachgepresst auf die Größe eines Markstücks. Wenn wir in die Stadt liefen, dann mussten wir vorbei am Goldbacher Viadukt, querten die Bahnschranke und dann an der „Kantine“ vorbei in die Innenstadt, entweder links entlang der langen Mauer, hinter der die Papierfabrik stand, oder rechts entlang am Main-Echo-Gebäude vorbei und dann am Holz-Geiger und am Spielwaren Klüglein, und schon war die Kaufhalle oben an der Herstallstraße in Sicht.

Wenn mein Vater mir seinen Arbeitsplatz und den Lokschuppen zeigte, dann nur bei besonderen Anlässen wie Geburtstag oder Zeugnis. Anschließend ging es in die Kantine, für einen Leberkäsweck und eine Limo. Ich war stolz zwischen echten Lokführern zu sitzen.

Die Eisenbahnerkantine: gutes Essen für wenig Geld

Die Eisenbahnkantine war ein schlichtes Gebäude, mit dem Eingang auf der Bahnseite, innen mit Neonlicht und dem Charme einer Wartehalle. Dort gab es für wenig Geld gutes Essen und was zu trinken. Und das rund um die Uhr, weil sie ja als Verpflegungseinrichtung für die Eisenbahner und die Lokführer gedacht war, deren Dienst außerhalb der üblichen Arbeitszeiten lag und die auch nachts noch eine warme Mahlzeit wollten. Die Kantine lag in der Goldbacher Straße 51 auf dem Weg zwischen dem Bahnhof und dem Übernachtungsheim für die Lokführer in der Goldbacher Straße 46 in der Österreicher Kolonie. 1984 wurde das Übernachtungs-Haus von der Baugenossenschaft der Verkehrsangehörigen gekauft und zu Wohnungen umgebaut. In der Merlostraße 1, am Dämmer Steg, gab es eine weitere Übernachtung (Sozialgebäude) für auswärtiges Zugpersonal. Hier haben zu Tag- und Nachtzeiten Zugbegleiter aus Bamberg, Nürnberg, Lichtenfels und Dillenburg ihre Ruhezeiten verbracht. 1978 wurde das Sozialgebäude aufgelöst. Heute ist dort das Gesundheitsamt.[1]

Die Kantine war ein L-förmiges Gebäude in der Kurve, in der die Bahngleise nach Miltenberg abzweigten, in der Goldbacher Straße 51. Es gab einen Gastraum, der etwa 7 Meter breit und 25 Meter lang war, Küche, Toiletten für Gäste und Personal, zwei Lagerräume, zwei Aufenthaltsräume, einen Vorratsraum.[2]

Die Kantine war in erster Linie für die Bahnmitarbeiter errichtet worden. Es konnten aber auch andere Gäste die Kantine nutzen. Deshalb gab es auch zwei Preiskategorien, für die Internen und die Externen. Auch die Essenausgabe an der Küche war aufgeteilt, in einen Bereich für die Arbeiter, in einen Bereich für die Angestellten, und einen Thekenbereich für die Getränke. Dort wurde auch Bad Brückenauer Mineralwasser verkauft, zu einem günstigen Preis, von dem Pfennigbeträge an das Sozialwerk der Bundesbahn (BSW) abgeführt wurden. Vor allem per Eisenbahnwagon wurden die Lebensmittel angeliefert. Rudolf Ruby, der von 1953-1956 eine Schlosserlehre bei der Bahn absolvierte, musste „als Lehrbub auch beim Ausladen helfen. Die Kantine hatte einen eigenen Gleisanschluss. Da kamen im Herbst 100 Doppelzentner Kartoffeln, die in den Vorratskeller geschafft wurden. Zur Weihnachtszeit ein Wagon mit Lebkuchen. Über den Zentraleinkauf in Nürnberg wurden alle Eisenbahnerkantinen im Bereich der Direktion beliefert. Viele Lebensmittel kamen aus dem Knoblauchsland bei Nürnberg, beispielsweise die Essiggurken.“[1]

Das Sozialwerk war Betreiber der Eisenbahnerkantine, und die einzelnen Dienststellen der Eisenbahn in der Region mussten – je nach Mitarbeiterzahl – einen Betrag zur Finanzierung der Kantine abführen. Dies stieß bei den Dienststellen, die weit von der Kantine entfernt lagen und deren Service kaum nutzen konnten, wie beispielsweise Miltenberg oder Heigenbrücken, auf wenig Gegenliebe.

Auch von Polizei, Taxifahrern und Arbeitsamtsmitarbeitern wurde die Kantine mehr oder weniger häufig besucht, wegen des günstigen Preises, der herzhaften Essen und der Öffnungszeiten rund um die Uhr. Einer erinnert sich: „Die Teller waren viergeteilt für das Hauptgericht, die Suppe, die Beilage und den Salat. Und alle Teller waren mit dem Logo des Bahnsozialwerks bedruckt.“ Beliebt war die Stadt-Wurst, eine Art Krakauer Wurst. Ein ehemaliger Eisenbahner berichtet von der besonderen Art der Zubereitung: „Ich habe auf einer Dampflok angefangen zu arbeiten und dort haben wir immer die Stadtwurst auf den heißen Rohren gegrillt, ein Leckerbissen.“[2]

Die Eisenbahnerkantine war ein Baustein der betrieblichen Sozialpolitik der Deutschen Bundesbahn, die teilweise durch das Bahnsozialwerk umgesetzt wurde. Die Kantine war innerhalb des BSW ein eigener Betrieb, der auf eigene Rechnung arbeitete und teilweise von der Bahn unterstützt wurde. Für die Beschäftigten der Kantine war nicht immer klar, ob sie Mitarbeiter der Bahn oder des Sozialwerks waren. Dies war von Bedeutung bei der Frage, ob sie Freifahrtscheine – eine weitere Sozialleistung der Bahn – nutzen konnten oder nicht.

Die Eisenbahnerkantine in der Goldbacher Straße wurde ca. 1936 in Aschaffenburg errichtet. Nach Erinnerungen des ehemaligen Werkstattmeisters Helmut Heeg[3] wurde der Holz- und Trockenbau in Nürnberg abgebaut und nach Aschaffenburg gebracht. In Nürnberg hatte das Gebäude als Jubiläumssaal zur Erinnerung an die erste Eisenbahnfahrt 1835 gedient. Nach Erinnerungen von Rudolf Ruby[4], einem ehemaligen Eisenbahner, war das Gebäude ein Fachwerkbau, der entsprechend ausgemauert wurde.  Die „große“ Kantine in der Goldbacher Straße diente dem Zugpersonal, das in Aschaffenburg übernachten wollte. Es gab noch eine „kleine“ Kantine im Bahnhof, in der das Fahrpersonal sich bei kurzen Pausen erholte.

Nach dem 2. Weltkrieg – der Weg zur Normalisierung

Im 2. Weltkrieg war die Zerstörung der Transportwege ein zentrales Ziel der Alliierten. Dazu gehörten auch die Bahnanlagen in Aschaffenburg, die zu 70 Prozent (Rangierbahnhof) und zu 50 Prozent (Hauptbahnhof) ausgeschaltet waren.[1] US-Pioniereinheiten hatten zwar die Strecke Aschaffenburg-Würzburg-Schweinfurt-Bamberg schon nach dem 8. Mai 1945 wieder befahrbar gemacht – dabei spielte die trotz der schweren Luftangriffe verhältnismäßig geringe Zerbombung der Schweinfurter Gleisanlagen eine gewisse Rolle – doch für den zivilen Verkehr, für seine Normalisierung auch in der geregelten Versorgung des Hinterlandes war erst der Kräfteeinsatz von bahneigenen und später von durch die Arbeitsämter herangezogenen – nicht immer freiwilligen – Hilfsarbeitern notwendig. In Aschaffenburg vollzog sich der Wiederaufbau des Hauptbahnhofs bis Ende 1947, des Rangierbahnhofs bis Ende 1948.[2]

Ein ehemaliger Eisenbahnmitarbeiter, der neben der Eisenbahnerkantine wohnte, hat noch Kindheitserinnerungen: „Gleich nach dem Krieg konnten wir in der Eisenbahnerkantine für 10 Pfennig einen Teller Suppe bekommen. Der zweite Teller war umsonst. Hinter der Kantine war ein Fahrradschuppen für 50 Fahrräder der Eisenbahn-Bediensteten. Dieser Stellplatz war ständig bewacht, weil Fahrräder damals sehr begehrt waren.

1954 war Fußballweltmeisterschaft und in der Kantine gab es einen Schwarz-Weiß-Fernseher. „Es war einer der wenigen Fernseher weit und breit. Immer wenn die Deutschen spielten, war die Kantine rammelvoll. Viele Gäste standen und wir konnten als Kinder kaum was sehen. Aber es war Begeisterung pur.“[3] Rudolf Ruby hat aus dem Gedächtnis eine Skizze der damaligen Aufteilung der Kantine aufgezeichnet.

Viele Eisenbahner waren Mitglied im Bahnsozialwerk, das für die Familienangehörigen in der Bahnkantine Weihnachtsfeiern veranstaltete. Der Zuspruch war so groß, dass zweitweise zwei Weihnachtsfeiern stattfinden mussten. In den 1970er und 1980er Jahren war Günter Jäger der Chef der Eisenbahnerkantine. Bis 1962 hatte er in der Lokleitung des Bahnbetriebswerks gearbeitet, danach wechselte er als Chef in die Kantine. Dort konnte er seine organisatorischen und repräsentativen Fähigkeiten gut nutzen. Gleichzeitig war er Vorstand des Eisenbahnersportvereins ESV Rot-Weiß Aschaffenburg 1931 e.V. Das war eine gute Kombination, die beiden Seiten zum Vorteil gereichte. So wirkte er dabei mit, dass der Metzger, der die Kantine belieferte und nicht aus Aschaffenburg stammte, aber ein guter Fußballer war, sich nach einigen Gesprächen den Eisenbahnern anschloss und als Mittelstürmer in der ersten Mannschaft reüssierte.

Die Eisenbahnerkantine war Treffpunkt, wenn die Fußballer des ESV Rot-Weiß, meist mit roten Bahnbussen, zu Auswärtsspielen fuhren. Damals hatte die wenigsten Menschen ein eigenes Auto.  Bei der Eisenbahnerkantine gab es auch einen Aushang mit den Mannschaftsaufstellungen. Wenn die Fußballer ein Auswärtsspiel hatten und deshalb die Vereinsgaststätte verwaist war und auch der Wirt als Zuschauer unterwegs war, kehrten die Fußballer und ihre Anhänger öfter nach der Rückkehr nach Aschaffenburg in der Kantine ein.

Humor und Selbstironie war den Eisenbahnern nicht fremd. Das drückte sich gelegentlich in recht derben Klosprüchen aus. Eingeritzt in der Klotüre, so die Erinnerung eines Nutzers, war da zu lesen: „5 Minuten sch… ein Hund, ein Eisenbahner eine Stund.“[4]

Aufschwung und Verkehr

Voraussetzung des Wirtschaftsaufschwungs in den 1950er und 1960er Jahren waren unter anderem gute Transportmöglichkeiten. Die Bahn, aber auch der Straßenbau, etwa die Autobahnen und der Transport auf der Straße, erlebten einen Bedeutungszuwachs. Diese Jahre waren die Hoch-Zeit der Eisenbahn. „Überall wurde ausgebessert, repariert, neu gebaut, modernisiert und Tag und Nacht rund um die Uhr Personen und Güter aller Art befördert. Als Beispiel das Bahnbetriebswerk in der Goldbacher Straße 55: 1.000 Beschäftigte (Stand 1957) und 120 Dampflokomotiven, darunter 60 schwere Güterzuglokomotiven der Baureihe 44, Eigengewicht 170 Tonnen.“[5]

1957 waren folgende Ämter und Dienststellen bei der Bundesbahn in Aschaffenburg beheimatet[6]:

  Amt/Dienststelle Hauptaufgabe
1 Maschinenamt Technische Gewerbeaufsicht
2 Betriebsamt Bau- und Betriebsaufsicht
3 Verkehrsamt Verkehrswesenaufsicht
4 Generalvertretung Kundenbetreuung
5 Südbahnhof Personen- und Güterverkehr
6 Güterabfertigung Stückgut und Wagenladungen
7 Bahnmeisterei Süd Unterhalt der Gleisanlagen
8 Bahnbetriebswerk Unterhalt und Einsatz der Lokomotiven
9 Bahnbetriebswagenwerk Unterhalt der Reise- und Güterzugwagen
10 Signalmeisterei Unterhalt der Signalanlagen
11 Fahrleitungsmeisterei Unterhalt der elektrischen Fahrleistung
12 Hauptbahnhof Personen- und Güterverkehr
13 Bahnmeisterei Aschaffenburg Hbf Unterhaltung der Gleisanlagen

Die Ausweitung der Aufgaben und die wachsende Verkehrsbedeutung des Aschaffenburger Hauptbahnhofs hatten zu einer Aufstufung geführt und damit auch zu einer Anhebung der Stelle des Bahnhofsvorstehers.[7] „Täglich passieren 350 Züge den Bahnhof, davon sind etwa 195 Reisezüge. Innerhalb von 24 Stunden rollen auf den Gleisen zwischen Aschaffenburg und Lohr Züge im Gesamtgewicht von rund 117.000 Tonnen. Tag für Tag werden im Aschaffenburger Bahnhof 40 Güterzüge und vier Reisezüge umgespannt.“[8]

„Mit der Elektrifizierung der Hauptstrecken ab 1957 und der Einführung modernster Drucktasten-Signaltechnik wurde eine Rationalisierungswelle in Gang gesetzt, der die Ämter und Dienststelle Nr. 1 bis 11 und die dazugehörigen Arbeitsplätze zum Opfer fielen.“[9]

Die Rationalisierungsmaßnahmen dauerten bis in die 1990er Jahre. Das Maschinenamt Aschaffenburg wurde zum 1. Oktober 1966 aufgelöst. Die Aufgaben des Maschinenamts gingen an das Maschinenamt Würzburg über. „Es bestand 110 Jahre, wenn man bedenkt, dass es aus dem im Jahre 1856 in Aschaffenburg eingerichteten Königlich Bayerischen Bahnamt hervorgegangen ist. […] Seine Aufgaben umfassten in erster Linie die Unterhaltung, Pflege und den Einsatz der Triebfahrzeuge und Reisezüge sowie Güterwagen, die Versorgung mit Strom, Diesel, Kohle und Wasser, die Unterhaltung der Fahrleitungen, der elektrischen und maschinellen Anlagen. Zum Fahrzeugbestand des Maschinenamtes Aschaffenburg gehörten 26 Dampflokomotiven, 37 elektrische Lokomotiven, 10 Diesellokomotiven, 8 Kleinlokomotiven, 25 Schienenbusse und 14 Straßenbusse. Als Dienststellen waren dem Maschinenamt Aschaffenburg das Bahnbetriebswerk Aschaffenburg und die Fahrleitungsmeisterei Aschaffenburg sowie das Bahnbetriebswerk Gemünden unterstellt. Beim Amt selbst waren 14 Beamte tätig, bei den Dienststellen 959, wobei allein beim Bahnbetriebswerk Aschaffenburg 616 Menschen Beschäftigte sind, davon im Triebfahrzeugdienst 418 Beamte und Arbeiter.“[10]

Um den Weg zum Arbeitsplatz sicherer zu machen, wurde im April 1969 ein 40 Meter langer Steg zwischen einem Sockel neben der Eisenbahnerkantine und dem Bahnbetriebswerk und den Werkstätten eingehoben. Damit mussten die Bahnbediensteten nicht mehr den Weg über den Schienen benutzen. Der Weg über den Steg war schneller und gefahrloser.[11]

Rationalisierung und Personalabbau

1974 zählte man bei der Ortsverwaltung Aschaffenburg und den ihr angeschlossenen Hauptdienststellen in Obernburg und Miltenberg noch etwa 1.500 Mitarbeiter. 1982 waren es nurmehr 1.081. Von Aschaffenburg nach Würzburg und Stuttgart abgezogen wurden vor allem Rangierer, Zugbegleiter sowie Mitarbeiter des Lade- und Stellwerkdienstes.[12]

1983 sorgte sich der örtliche Vorsitzende der Eisenbahnergewerkschaft GdED (Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands) Reinhard Sauer um den Erhalt des Betriebsamts Aschaffenburg mit 13 Bahnbediensteten, und die Auslagerung weiterer Dienststellen wie Bahnmeisterei (102 Mitarbeiter) und Nachrichtenmeisterei (80 Mitarbeiter). Außerdem sei die Angliederung des Bahnbetriebswerks an Würzburg noch nicht vom Tisch (400 Mitarbeiter, davon 200 Lokführer).[13]

Das Main-Echo titelte 1986: „Stilllegung auf Raten ist jetzt beendet: Bahn-Betriebswerk verlor Selbständigkeit. Mit dem Auslaufen des Winterfahrplans am 31. Mai hat auch das Bahnbetriebswerk Aschaffenburg als selbständige Dienststelle aufgehört zu existieren. Die meisten Loks wurden abgezogen und alle Verwaltungstätigkeit wird künftig zentral in Würzburg erledigt. […] Von 630 Beschäftigten in Jahr 1976 sind derzeit nur noch 230 übrig, unter ihnen 143 Lokführer, 45 Werkstättenarbeiter und 42 anderweitig Beschäftigte.“[14]

Das Ende

Vor dem Hintergrund dieses massiven Personalabbaus über Jahrzehnte war logisch, dass auch die Sozialeinrichtungen der Bahn an Aufgaben und Bedeutung verloren.

1993 lud die Eisenbahnergewerkschaft Ausbildungsleiter, Meister, Lehrgesellen und Auszubildende zu einem Jubiläumsfrühschoppen anläßlich „50 Jahre Ausbildung im Bahnbetriebswerk Aschaffenburg 1943-1993“ in die Kantine ein. 116 Kollegen folgten dieser Einladung und feierten bis nachmittags und redeten über die Erlebnisse in der Lehre zum Elektriker oder Schlosser und blickten zurück auf die Veränderungen bei der Bahn. Für viele war es ein wehmütiger Blick zurück.[15]

Die Kantine existierte noch bis 1995. Sie war Anlaufstelle für die verbliebenen Eisenbahner und andere Beschäftigte rings um die Goldbacher Straße.

Wegen der durchgehenden Öffnungszeiten war die Kantine auch der letzte Treff von Nachtschwärmern, wenn alle anderen Lokalitäten wie das „Drei-Mädel-Haus“ oder das „Domino“ nach Mitternacht schlossen. Ein Sportfreund schrieb: „Ich kann mich erinnern, dass wir freitags nachts zu vorgerückter Stunde nach dem Kegeltreff der Rot Weißen in die Eisenbahnerkantine eingekehrt sind. Dort haben wir außergewöhnliche Speisen zu uns genommen haben, als Spezialität galt Bienenstich mit Gurken.“

Die Privatisierung der Bahn wirkte sich bedrohlich auf die Sozialeinrichtungen aus. Die Eisenbahnersportvereine mussten abhängig von dem Eisenbahneranteil unter den Mitgliedern Pacht zahlen, was viele finanziell nicht stemmen konnten, so auch in Aschaffenburg. Andere Vermögenswerte wie Grundstücke und Gebäude wurden verkauft. 1998 stellte das „Rathaus die Signale auf grün: Eisenbahnerkantine wird Gaststätte. Schmucklos und heruntergekommen fügt sich der eingeschossige Bau in Umfeld des Bahngeländes an der Goldbacher Straße ein. Nicht mehr lange, wenn die DB ihr Vorhaben verwirklicht, das sie sich jetzt vom Rathaus genehmigen ließ. […] Bei der Stadt geht man davon aus, dass die Bahn das Gebäude mit der Hausnummer 51 samt Baugenehmigung nun verkaufen will. Für den Anschluss des Grundstücks an die Goldbacher Straße muss das ehemalige Staatsunternehmen laut Beschluss selbst sorgen.“[16]

Und heute?

Wie viele Beschäftigte hat die Deutsche Bahn AG in Aschaffenburg? Hier detaillierte Zahlen zu ermitteln ist schwierig. Ein Kenner des regionalen Eisenbahnverkehrs antwortete auf Anfrage:

„Es ist praktisch  ein Ding der Unmöglichkeit, hier aktuelle Zahlen zu nennen, da Personal von verschiedenen Unternehmen zusammenkommt:

– DB-Regio bzw. Westfrankenbahn,

– DB Netz,

– DB Station und Service,

– HLB-Personaleinsatzstelle,

– DB Bustochter Verkehrsgesellschaft Untermain.“[17]

Auf der Homepage der Westfrankenbahn[18], die den Regionalverkehr am Untermain bis Bad Mergentheim, Heilbronn und Crailsheim betreibt, ist von 400 Mitarbeitern zu lesen, von denen etwa 40 direkt in Aschaffenburg eingesetzt werden.

Die Verkehrsgesellschaft Untermain (VU)[19] zählt 71 Mitarbeiter und 42 eigene Busse und ist eine von acht Regio Busgesellschaften in Bayern. Sie kooperiert mit regionalen Verkehrsverbünden und Busgesellschaften.

Ein ehemaliger Beschäftigter der Bahn lieferte folgende Zahlen: Beschäftigte der DB in Aschaffenburg (Von zwei Geschäftsbereichen fehlen Daten.).[20]

Westfrankenbahn (DB Regio)                                                   330 MA, davon 30 MA in AB (Dst. AB)

DB Station u. Service (Infopoint und Auskunft)                     7 MA (Dst. Wü.)

DB Service                                                                                    8 Reinigungskräfte (Dst. AB)

Verkehrsgesellschaft Untermain (Busse)                                80 Busfahrer      (DSt. Ingolstadt)

DB Regio                                                                                       27 Lokführer u. 21 Zugbegleiter (Dst Wü.)

Fahrbahn (Signale, etc.)                                                              7 MA  (Dst. Frankfurt)

Bahnbau (Gleise, etc.)                                                                 11 MA (Dst. Erfurt)

DB Vertrieb                                                                                   10 MA (Dst. Nürnberg)

 

Aktuell (Februar 2023)  waren über alle Unternehmensgliederungen hinweg 22 Stellenangebote mit Einsatzort Aschaffenburg und Arbeitgeber DB im Netz zu finden.[21]

Und wie sieht es mit der Verpflegung aus? Eine Kantine in Aschaffenburg gibt es seit 1995 nicht mehr. Stattdessen bietet der Haupt-Bahnhof Backshops, Schnellimbiss und ähnliche Einkaufsmöglichkeiten. Die Kantinen wurden von den Casinos abgelöst – das klingt besser. Dazu schreibt die DB Gastronomie GmbH: „Unsere rund 90 Mitarbeiterrestaurants findet man überall in Deutschland. Ob in der Großstadt oder weiter auf dem Land, ob Bürostandort, Bahnhof oder Werksgelände – überall bekommen unsere Gäste etwas Leckeres zu essen. Den Großteil unserer Casinos betreiben wir als DB Gastronomie in Eigenregie. Wir sorgen aber auch für die DB Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn es kein Casino gibt. Hier schließen wir Kooperationen mit anderen Gastronomie-Anbietern, bei denen die Bahn-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu attraktiven Konditionen essen gehen können.“[22] Die zu Aschaffenburg nächstgelegenen Mitarbeiterrestaurants sind in Würzburg und Frankfurt.

Anmerkungen:

[1] Main-Echo Nr. 270 vom 23.11.1955

[2] Main-Echo Nr. 270 vom 23.11.1955.

[3] Gespräch mit G. H. am 03.06.2022

[4] Gespräch mit H.R. am 21.10.2022

[5] Nach Aufzeichnungen von Rudolf Ruby, 1.

[6] Nach Aufzeichnungen von Rudolf Ruby, 1.

[7] Main-Echo Nr. 40 vom 17./18.2.1968

[8] Main-Echo Nr. 40 vom 17./18.2.1968

[9] Nach Aufzeichnungen von Rudolf Ruby, 3.

[10] Aschaffenburger Volksblatt Nr. 220 vom 05.10.1966

[11] Aschaffenburger Volksblatt Nr. 76 vom 01.04.1969

[12] Main-Echo Nr. 21 vom 27.01.1983

[13] Main-Echo Nr. 21 vom 27.01.1983

[14] Main-Echo Nr. 120 vom 30.05.1986

[15] Nach Aufzeichnungen von Rudolf Ruby, Einladungsschreiben.

[16] Main-Echo Nr. 273 vom 10.10.1998

[17] Mail von EB am 24.01.2023

[18] https://www.westfrankenbahn.de/wir/zahlen-daten-fakten [abgerufen am 08.02.2023]

[19] https://www.dbregiobus-bayern.de/ueber-uns/unternehmen/vu-steckbrief [abgerufen am 08.02.2023)

[20] Mitteilung von BK am 22.02.2023 (MA=Mitarbeiter; Dst.= Beschäftigungsdienststelle)

[21] https://www.jobijoba.de/Stellenangebote/Deutsche-Bahn-AG-Jobs-in-Aschaffenburg [abgerufen am 08.02.2023]

[22] https://www.dbgastronomie.de/db-gastronomie-de/Start/standorte-8135054  [abgerufen am 08.02.2023]

 

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