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Der Kleiderfabrikant Johann Desch (1848-1920) und seine Geschäftsidee

Am 9. März 2024 ist es genau 150 Jahre her, dass der Schneider Johann Desch aus Glattbach in Aschaffenburg eine Kleiderfabrik gründete. Johann Desch wurde am 27. April 1848 in Glattbach geboren und absolvierte von 1862 bis 1865 eine Schneiderlehre in Aschaffenburg.

Natürlich gab es schon vorher Schneider, die Leute mussten ja etwas zum Anziehen haben. Sie nahmen Maß und fertigten dann den passenden Anzug an. Die Neuerung bei Johann Desch war, dass er die Personen nach bestimmten Größen (= Konfektionsgrößen) klassifizierte und so Anzüge auf Vorrat (!) herstellen konnte. Dieses System hat er auch schon ab 1868/69 in seinem Heimatort Glattbach mit Erfolg angewendet. Zuvor arbeitete er für das preußische Heer, wo er Uniformen nähte und ausbesserte.

Am 9. März 1874 meldete er sein Gewerbe in der Sandgasse 42 an. Die Gewerbeanmeldung ist nicht mehr vorhanden, die Aufzeichnungen beginnen erst im Jahr 1882. 1894, zwanzig Jahre nach der Firmenverlegung nach Aschaffenburg, beschäftigte Johann Desch schon 60 Personen und zusätzlich 150 Heimarbeiter. Diese Praxis war ebenfalls neu – zuvor hatte noch niemand Heimarbeiter beschäftigt. Durch die Standardisierung der Bekleidungsgrößen konnte Desch Arbeiten vergeben, die im „Home-Office“ erledigt wurden, also in Heimarbeit. Wöchentlich brachten die Heimarbeiter am Freitag die fertigen Kleidungsstücke in die Firma und nahmen wieder neue Arbeit mit nach Hause. Dort half die ganze Familie beim Nähen mit, meist wurden auch die Kinder mit einfachen Aufgaben betraut. Man sagte den Heimschneidern nach, dass sogar die Katze im Haus Reihfäden aus dem Anzug zog!

Mit den von den Heimarbeitern gefertigten Kleidungsstücken konnte die Kleiderfabrik Konfektionsware aufgrund der Massenproduktion viel preiswerter anbieten. Die Ware wurde nicht auf Bestellung, sondern auf Vorrat produziert.

Damit sorgten die Kleiderfabriken für Arbeit und Wohlstand bei ihren Beschäftigten und Zulieferern in und um Aschaffenburg. Ihren Höhepunkt hatte die Aschaffenburger Bekleidungsindustrie von den 1930er bis in die 1950er Jahre des 20. Jahrhunderts und war einer der wichtigsten Industriezweige der Stadt.

Diesen Wohlstand hat die Stadt Aschaffenburg und natürlich auch die ganze Bekleidungsindustrie dem Kleiderfabrikanten Johann Desch und seinem unternehmerischen Spürsinn zu verdanken. Er verstarb am 29. Januar 1920 im Alter von 71 Jahren. Er hinterließ ein Unternehmen, das seine zwei Söhne Jakob (*1874) und Heinrich (*1876) und später seine Enkel und Urenkel weiterführten.

1949 benannte die Stadt Aschaffenburg nach Johann Desch eine Straße an der Großmutterwiese.

Quellen:

Carsten Pollnick: Aschaffenburger Straßennamen, Aschaffenburg 1990, S. 27.

Elisabeth Haaf: Wie dem auch sei – es lebe hoch die Schneiderei, Aschaffenburg 1996, S. 71-72.

SSAA, RegP 140, Sterbeeintrag Nr. 44/1920

Siehe auch:

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Desch

Fotos:

  1. Johann Desch, aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Desch_Johann.jpg#/media/Datei:Desch_Johann.jpg
  2. Haus Sandgasse 42, fotografiert von Matthias Klotz am 2.3.2024
  3. Tür des Hauses Sandgasse 42 mit alter Hausnummer „C 87“, fotografiert von Matthias Kotz am 2.3.2024
  4. Sterbeeintrag von Johann Desch, Nr. 44/1920 aus Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg, RegP 140
  5. Gedenktafel am Haus Sandgasse 42, fotografiert von Matthias Klotz am 2.3.2024

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