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Als in Dörnsteinbach noch Zigarren gerollt wurden

Heute ist Dörnsteinbach ein ruhiger Ortsteil von Mömbris. Doch im 20. Jahrhundert gehörte auch das kleine Dorf zu einer Industrielandschaft, die heute beinahe aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden ist. Über Jahrzehnte wurden im Kahlgrund Zigarren hergestellt – und diese Arbeitswelt wurde vor allem von Frauen getragen.

Wer heute durch Dörnsteinbach geht, wird kaum vermuten, dass der Ort einst Teil einer bemerkenswerten Industriegeschichte war. Zigarren gehörten über Jahrzehnte zum wirtschaftlichen Alltag des Kahlgrunds.

Neben Landwirtschaft und Heimarbeit entwickelte sich im Raum Mömbris zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Zigarrenindustrie. Unternehmen aus größeren Städten ließen in den Dörfern der Region produzieren und richteten dort Fabriken und Filialbetriebe ein.

Für das Jahr 1939 werden allein im Gebiet des heutigen Marktes Mömbris 24 Zigarrenfabriken genannt. Bemerkenswert ist dabei vor allem die Zusammensetzung der Belegschaften: Nahezu 90 Prozent der Beschäftigten waren Frauen.

Die Eisenbahn verändert den Kahlgrund

Eine wichtige Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung der Region war die Kahlgrundbahn.

Ende Oktober 1898 nahm die Bahnverbindung zwischen Kahl am Main und Schöllkrippen ihren Betrieb auf. Damit erhielt der Kahlgrund einen wesentlich besseren Anschluss an das Rhein-Main-Gebiet.

Die Bahn erleichterte nicht nur den Personenverkehr. Auch Rohstoffe und fertige Waren konnten nun wesentlich einfacher transportiert werden. Für eine ländliche Region, deren Bevölkerung zu großen Teilen von Landwirtschaft und kleineren Nebenerwerben lebte, eröffneten sich dadurch neue wirtschaftliche Möglichkeiten.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden im Kahlgrund verschiedene gewerbliche und industrielle Arbeitsplätze. Die Zigarrenherstellung wurde dabei zu einem besonders prägenden Wirtschaftszweig.

Auch Dörnsteinbach wurde Teil dieser Entwicklung.

Eine Industrie der Frauen

Die Geschichte der Kahlgründer Zigarrenindustrie ist zugleich ein bemerkenswertes Kapitel regionaler Frauengeschichte.

Viele Frauen und junge Mädchen arbeiteten in den Fabriken. Nach historischen Angaben gingen zahlreiche Mädchen nach ihrer Schulzeit unmittelbar in die Zigarrenproduktion.

Die Herstellung verlangte Geschicklichkeit, Konzentration und viel Handarbeit. Tabakblätter mussten sortiert und vorbereitet werden. Die kräftigen Mittelrippen der Blätter wurden entfernt, bevor der Tabak weiterverarbeitet und schließlich zu Zigarren geformt werden konnte.

Ein Teil der Arbeiten fand nicht ausschließlich in den Fabrikräumen statt.

Bestimmte Tätigkeiten wurden als Heimarbeit vergeben. Dazu gehörten beispielsweise Arbeiten an Tabakblättern oder an Verpackungen und Zigarrenkisten. Damit reichte die Industrie bis hinein in die Wohnhäuser der Familien.

Landwirtschaft, Haushalt und bezahlte Arbeit bestanden häufig nebeneinander.

Gerade für Familien, deren landwirtschaftliche Erträge allein nicht ausreichten, war dieser zusätzliche Verdienst von großer Bedeutung.

Arbeit bedeutete nicht Wohlstand

Die Zigarrenindustrie brachte Arbeitsplätze in den Kahlgrund. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass die Beschäftigten dadurch wohlhabend wurden.

Die Herstellung war arbeitsintensiv, und die Löhne in der ländlichen Region waren vergleichsweise niedrig. Gerade diese niedrigen Arbeitskosten machten den Kahlgrund für auswärtige Unternehmen wirtschaftlich interessant.

Aus heutiger Sicht zeigt sich darin eine typische Seite der frühen Industrialisierung ländlicher Räume: Die Fabriken brachten dringend benötigte Erwerbsmöglichkeiten in die Dörfer, profitierten zugleich aber von einem großen Angebot günstiger Arbeitskräfte.

Dörnsteinbach hält besonders lange durch

Im Laufe der Jahrzehnte veränderte sich die Tabakindustrie.

Neue Produktionsmethoden, steigende Arbeitskosten, internationale Konkurrenz und ein verändertes Konsumverhalten setzten der traditionellen Zigarrenherstellung zunehmend zu.

Viele Betriebe verschwanden.

Dörnsteinbach gehörte jedoch gemeinsam mit Strötzbach zu den Orten, an denen sich die Zigarrenproduktion besonders lange hielt. Regionalhistorischen Darstellungen zufolge bestanden die letzten Zigarrenfabriken dort noch bis in die 1970er-Jahre.

Erst dann endete ein Kapitel Kahlgründer Wirtschaftsgeschichte, das über mehrere Generationen den Alltag vieler Familien geprägt hatte.

Mit den Fabriken verschwand mehr als ein Arbeitsplatz.

Es verschwand eine Arbeitswelt, in der Landwirtschaft und Industrie, Fabrikarbeit und Heimarbeit ungewöhnlich eng miteinander verbunden waren.

Und es verschwand eine Erwerbswelt, die ganz wesentlich von Frauen getragen worden war.

Die Erinnerungen könnten noch vorhanden sein

Die Geschichte der Dörnsteinbacher Zigarrenproduktion dürfte heute noch Spuren in privaten Haushalten hinterlassen haben.

Vielleicht existieren noch Fotografien ehemaliger Arbeiterinnen. Vielleicht liegen Arbeitsbücher, Briefe, Zigarrenkisten oder alte Werkzeuge auf Dachböden und in Schubladen. Möglicherweise erinnern sich ältere Einwohnerinnen und Einwohner noch an Namen, Arbeitsabläufe oder Geschichten, die in keiner offiziellen Chronik festgehalten wurden.

Auch die genaue Geschichte des Dörnsteinbacher Betriebs bietet noch Raum für weitere Recherche.

HeimatHub sucht Erinnerungen

Wer Fotografien, Dokumente, Gegenstände oder persönliche Erinnerungen an die Zigarrenherstellung in Dörnsteinbach besitzt, kann diese Geschichte ergänzen.

Besonders interessant sind Hinweise auf:

  • ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter,
  • den Standort und die Gebäude der Fabrik,
  • Namen der Betreiber und Unternehmen,
  • Arbeitsabläufe und Heimarbeit,
  • erhaltene Zigarrenkisten, Werkzeuge oder Arbeitsunterlagen,
  • persönliche Erinnerungen aus den Familien.

Denn Industriegeschichte besteht nicht nur aus großen Zechen, Stahlwerken und Maschinenhallen.

Manchmal beginnt sie an einem Arbeitstisch in einem kleinen Dorf im Kahlgrund.


Quellen und weiterführende Informationen

Markt Mömbris – Geschichte der Marktgemeinde
Informationen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Marktes Mömbris, zur Zigarrenindustrie, Heimarbeit, Beschäftigtenstruktur und zur Zahl der Zigarrenfabriken.
https://www.moembris.de/gemeinde-wirtschaft/geschichte

Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg – Materialien zur Geschichte der Kahlgrundbahn
Historische Informationen zur Entstehung und Entwicklung der Bahnverbindung im Kahlgrund.
https://stadtarchiv-aschaffenburg.de/

Archäologisches Spessart-Projekt / Spessartprojekt
Regionalhistorische Materialien zur Verkehrs-, Wirtschafts- und Siedlungsgeschichte des Kahlgrunds.
https://www.spessartprojekt.de/

Redaktioneller Hinweis

Die genaue Unternehmenszuordnung der ehemaligen Dörnsteinbacher Zigarrenfabrik ist derzeit noch nicht abschließend belegt. Der gelegentlich genannte Firmenname „Schirmer“ wurde deshalb bewusst nicht als gesicherte historische Tatsache übernommen. Weitere Dokumente oder Erinnerungen aus Dörnsteinbach können helfen, diese Frage zu klären.

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