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1894-1975, Großmutter Mathilde, ein Leben in Rottenberg

Großmutter Mathilde  (genannt: Di Schusters Madill)

Geboren: 01.09.1894 in Rottenberg, gestorben: 11.11.1975 in Rottenberg

(Das Ø mit einem Diagonalstrich wird gesprochen wie das O in dem Wort Morgen.)

Meine Großmutter Mathilde, die Mutter meines Vaters, wurde in Rottenberg geboren. Ihre Eltern Katharina und Anton bewirtschafteten einen kleinen Bauernhof.

Der Vater betrieb zusätzlich eine Schusterwerkstatt.

Im Dorf bezeichnet man bis heute die Familie als „die Schusters“. Doch nur die Älteren im Dorf kennen noch diese alten Familienbezeichnungen.

Mathilde war eins mit ihrer Familie. In ihr fühlte sie sich auf-gehoben. Wenn sie die Namen ihrer Töchter, ihrem Sohn, der Eltern, der Geschwistern aussprach, war immer das Wort osser davor. So wie „Osser Inna, osser Änna, osser Geähad, osser Baabe, osser Mømme, osser Alfon, osser Kall, osser Frønsisga“.

Von meiner Tante Erna weiß ich, dass ihre Mutter in der Schule die Klassenbeste war und immer bei so manchen Alltagsbegebenheiten ein Gedicht, ein Sprichwort, einen Spruch parat hatte. Erna hatte sie mal alle aufgeschrieben. 83 Verse habe ich gezählt.

Zum Beispiel:

Denk nicht, dass irgend auf der Welt,

es besser für dich wär.

Da wo der Herr dich hingestellt,

da blüh zu seiner Ehr.

Oder

Laß jeden, wer er ist

So bleibst du, wer du bist.

Oder

Gehorsam ist eine unserer edelsten Frauentugenden.

Nur wer gehorchen gelernt hat,

Kennt nachher das tiefe Geheimnis edlen Befehlens.

Mathildes große Liebe war ihr Jakob aus dem Dorf.

Es war das Jahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Ihr Freund Jakob war für ein paar Tage auf Fronturlaub zu Hause. Der Tag des Abschieds war gekommen und Mathilde wollte mit ihrem Jakob zusammen sein. Am Mittag würde er mit dem Postauto nach Aschaffenburg an den Bahnhof fahren. Doch sie musste mit ihrer Mutter aufs Feld. Als sie nach Hause kam, war Jakob schon mit einem Fuhrwerk in die Stadt unterwegs. Ungefähr zwei Wochen später fiel er an der Front in Frankreich. Da war Mathilde 22 Jahre alt. Ihr Leben lang würde sie diesen Schmerz in ihrem Inneren aufheben und immer mal vom „Møim Jakob“ erzählen und Bilder von ihm zeigen.

Ihrer Mutter machte sie zu Lebtag Vorwürfe.

Sie hatte ihr Drama in Reime verfasst, mit der Überschrift: „Herbstnebel“. Das Gedicht hat sie ihrer Tochter Erna Mitte der siebziger Jahre auswendig aufgesagt. Da war Mathilde achtzig Jahre alt und dement. Erna hat das Gedicht aufgeschrieben.

Das Gedicht „Herbstnebel“ hat zehn Strophen:

1) Herbstnebel, wie drückst du so sehr.

Wie scheinst du so grau und so bleiern.

Mir ist grad als wolltest du

Mir die Zukunft verschleiern.

2) Doch nein, das könntest du nicht mehr tun,

es ist schon genug geschehen.

Muss doch mein Lebensglück im Grabe ruhn,

kann es nun nicht mehr sehn.

3) Der Weltkrieg hat ihn mir geraubt,

der tückische Weltenneid,

der schon über so manches Haupt,

brachte das selbe Leid.

4) Ahnungslos, dass er das letzte Mal hier

in der Heimat sei, ging er von mir.

Es dauerte nicht lange, da kam die traurige Kund,

er liege im Feldlazarett schwer verwund.

5) Das machte das Herz mir erbeben.

In tiefem Schmerz, in großer Not

flehte ich zum leben Gott

Ach Herr erhalt´ ihm das Leben.

6) Doch der, der die Geschicke der Menschen lenkt

hielt es anders für gut.

Mein Lebensglück wurde ins Grab gesenkt

mit ihm mein Lebensmut.

7) Zwölf Tage lag er im Feindesland

in großer Pein

ich konnte nicht lindernd reichen die Hand

kein liebes Wort mehr weih´ n.

8) Ach, das drückt so hart und so schwer

und tut so bitter weh

doch ich blick´ vertrauend zum Himmelszelt

und spreche dein Wille gescheh´ .

9) Du gabst mir mein Lebensglück,

du hast es mir wieder genommen,

du Lenker jedes Menschen Geschick

es wird auch besser kommen.

10) Dort in jenen Himmelshöhn, wo endet jedes Leid.

Wo es gibt ein Wiedersehn, für alle Ewigkeit.

Drum, ich harre tapfer aus.

Bis wir uns wiederseh´ n im Vaterhaus.

Mit 81 ist meine Großmutter gestorben. Sie musste knapp 60 Jahre warten, bis sie ihren Liebsten wieder sehen konnte.

Ich habe meine Großmutter nie als Sprüche- und Gedichte Vortragende erlebt. Eher als eine ewig klagende Frau. Ich sehe sie vor mir, als eine füllige, eher kleine Frau, mit einer blauen Mantelschürze bekleidet und einem Tuch auf dem Kopf in der gleichen Farbe, das sie auf der Stirn verknotete. Sie schleppte sich jeden Tag, mit gekrümmtem Rücken aus dem Haus in den Stall, melkte die Kühe, fütterte die Schwei-ne und die Hühner. Oder sie trottete mit der Sichel hinaus aufs Feld und schnitt Brennnesseln fürs Schweinefutter. Ich holte dann mit der Schubkarre, dieses von ihr zu Ballen geschnürte hinterhältige Brennkraut.

Ich konnte sie leicht ärgern:

Hey Omma, du sisst heut owwer wärrä gud aus“. „Søi ruisch, du waast jo goänet wie mäss geht. Mach disch føtt, sonsd fengste øh“, schimpfte sie dann mit mir.

Vielleicht immer in Gedanken an ihren Jakob.

Nach dem 1. Weltkrieg, am 27. September 1919, heiratete sie den Wagner Konrad Franz aus Rottenberg.

Ich habe das Hochzeitsfoto meiner Großeltern vor mir liegen. Mathilde trug ein schwarzes Kleid. Ein Herz aus Silber zierte den Halsausschnitt, der hochgeschlossen die beiden Enden des Halbkragens verband. Der Brustteil des Kleides war mit fünf stoffbezogenen Knöpfen verziert, die zweireihig zur Taille hin angeordnet waren.

Über den Hüften betonte ein Band ihre Taille, bevor der Stoff Falten schlug und bis zu den Knöcheln fiel. Auf dem Kopf ist ein Kranz aus Tüll zu sehen, auf dem Sträußchen aus Myrte gesteckt sind. Weiße Spitze begrenzte das Schwarze an ihrer Seite und verflüchtigte sich im Fallen. Weiße Nelken stehen für Trauer und ewige Treue. Ein Schwur den sie ihrem toten Jakob gegeben hatte? In ihrer Hand gehalten, zeigt der Strauß nach unten, wie Blumen, die man gleich ins Grab auf einen Sarg werfen würde.

Beim Betrachten ihres Gesichts fällt mir das Gedicht von Mascha Kaléko ein:

Weil deine Augen so voll Trauer sind und deine Stirn so schwer ist von Gedanken“.

Mein Großvater stand stolz und aufrecht neben seiner Frau. Hergerichtet vom Scheitel bis zu den Schuhen, sah er edel aus, im Gehrock mit Fliege und Chapeau-Klack in der Hand. So kannte ich meinen Opa gar nicht. Vom Asthma geplagt sehe ich ihn noch rotzend und fluchend vor mir. Ahnte er, dass Mathilde mit ihrem Herzen immer bei Jakob sein würde? Sie gebar drei Kinder, die Ina, den Gerhard und die Erna.

In der Nazizeit war sie innerlich zerrissen, davon bin ich überzeugt. Mathilde war katholisch und tief gläubig. Der von ihr hochgeachtete Bruder Karl war der Obernazi im Dorf. Auf sein Betreiben hin sollten zum Beispiel die Ordensschwestern aus dem Dorf verwiesen werden. Der damalige Bürgermeister Josef Bergmann stemmte sich gegen die Faschisten und konnte diesen Frevel verhindern. Die Nonnen blieben.

Von Tante Erna erfuhr ich, dass Karl seiner Familie drohte, sie nicht mehr schützen zu können, wenn sie weiterhin so intensiv ihrem Glauben nachgingen. Zudem brachte ihr Bruder einen Teil des Familienbesitzes durch, weil seine Bürstenfabrik bankrott ging, er die Mitarbeiter nicht auszahlte und er Schulden angehäuft hatte. Seine Familie warf ihm vor, sich nicht vor seinen fünfundfünfzig jährigen Bruder Alfons gestellt zu haben, als Alfons zum Kriegsende hin, im Frühjahr 1945 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Schwer verletzt starb der in der Gefangenschaft im November 45 in Semlin/Jugoslawien.

Nach dem Krieg war der „Schusters-Kall“, hoch angesehen im Dorf. War geschätztes Mitglied im Wanderverein. Er galt als Verwaltungsexperte, zu dem man ging, wenn ein Amtsschreiben verfasst werden musste. Karl hatte eines der ersten Autos im Dorf. Einen blauen Opel Rekord, mit dem er meine Familie manchmal zur Verwandtschaft fuhr.

Ein Lob von ihm, war für mich immer etwas besonderes. Nach seinem Tod hatte ich einen mit Eichenholz furnierten Schrank mit einer geschliffener Spiegeltüre von ihm geerbt. Vor ein paar Jahren klärte mich der Dorfhistoriker Roland auf: „Die Möbel vom Schusters-Karl stammen von ins KZ deportierten Juden aus Aschaffenburg.“

Im Schlafzimmer meiner Großeltern hing ein gesticktes Bild vom dörflichen Kirchenpatron Antonius von Padua. Einem Heiligen, zu dem meine Großmutter täglich betete. Gerade dann, wenn sie etwas verloren hatte. Ich weiß nicht mehr, warum. Aber ich hatte das Bild einmal abgehängt und auf der Rückseite einen Aquarelldruck von Hermann Göring entdeckt. Ich wurde erwischt und durfte das Bild nicht mehr abhängen. Naja, ich habs trotzdem manchmal gemacht. Ich wusste damals nicht, wer dieser Schurke war. Wahrscheinlich war er immer im Gebet meiner Großeltern mit eingebunden und half ihnen beim Suchen, wenn sie etwas verloren hatten. Der Faschist Hermann Göhring im Rücken vom Heiligen Antonius von Padua hinter Glas und im gleichen Rahmen.

Das traut man sich ja gar nicht vorzustellen.

Jahre später fragte ich meine Mutter, wo Göring geblieben ist, weil das Bild immer noch in ihrem Nähzimmer hing, der Verbrecher aber verschwunden war.

Ich ho irgendwann dänn Fättsack im Herd verbrennt“, sagte sie mir.

Im Oktober 1944 war meine Mutter mit der Lehrerin Grünewald und deren 4 Kindern aus Stockstadt am Main nach Rottenberg gekommen.

Ich hatt die Lore uffm Schoß, als mä mit em Laster zum Doff nøi geføän søin. In dämm Dräcksloch bleibste net, ho ich gedøcht“, erzählte mir meine Mutter.

Doch eines Tages im August 1945, schaute sie aus dem Fenster des Schulhauses auf den gegenüberliegenden Bauernhof. Da stand der Gerhard, mit einer durchschossenen Schulter neben seinem Misthaufen. Käthe verliebte sich Knall auf Fall in diesen Kriegsheimkehrer.

Im November 1947 heirateten meine Eltern. Sie mussten heiraten, weil meine Mutter schwanger war. Die Lehrerin versuchte sie zu überreden, mit ihrem Kind bei ihr zu bleiben. Sie warnte Käthe vor diesen „Zuständen“ auf diesem Bauernhof. Doch meine Mutter zog ein zu den „Herberts“, wie die Familie in Rottenberg genannt wurde. Zog ein in ein Elend, an das sie fast zerbrach.

Mit ihrem Gerhard bewohnte sie 2 Zimmerchen unter der Dachschräge. Das eine war ihr Schlafzimmer, das andere die Küche ohne fließend Wasser und ohne Abfluss.

Meine Mutter erzählte: „Un es ess emol en Hausierer die Stäsche ruff komme, -Ach, Flüchtling!- horrer gesäht, un ess gleisch wärrer verschwunde.“

Mathilde und ihre Schwiegertochter Käthe würden sich, so lange sie lebten, in tiefer Abneigung begegnen. Käthe redete ihre Schwiegermutter im nicht endeten Gezänk, in der dritten Person an.

Ihr hot mie noch nie geholfe. E faul Mensch seit ihr. Es ess eisch wohl in eijerm Dräck“.

Dement und im Sterben, sagte Mathilde ihrer Schwiegertochter, die sie jahrelang bekocht und gepflegt hatte, mit diesen ganzen Unannehmlichkeiten, die ein zum Pflegefall gewordener Mensch im Bett, auf dem Boden und an den Wänden hinterlässt:

Isch moch disch net un isch hoh disch noch net gemöscht.“

Oma las gerne Heimatromane von Hans Ernst.

Mich mochte Großmutter nicht, weil ich meiner Mutter im Aussehen ähnelte, mit der sie zeitlebens im Streit lag.

Im November 1975 starb Mathilde wohlbehütet in ihrem Bett. Ich war erleichtert.

Und doch hatten Großmutter und ich unseren Frieden miteinander gemacht. 1970 zu meinem ersten Auto, einen Renault R4 gab sie mir 50 Mark dazu. Sie hatte ja nur eine Rente von 120 Mark. Als ihr Gedächtnis verloren ging, irrte sie öfters im Dorf umher, auf der Suche nach ihrem Elternhaus.

Ich well høhm, isch well høhm“, klagte sie dann.

Ich fing sie ein und führte sie nach Hause.

Als sie noch klar im Kopf war, fuhr ich sie mit meinem R4 zu ihren Töchtern in den Kahlgrund. Begleitet von ihrer Schreckhaftigkeit:

Jesses, Maria“, schrie sie bei jeder vermeintlichen Gefahr.

Omma hö uff, du meschst misch jo gønz narrisch“, rief ich dann.

Ab da sagte sie vor jeder Fahrt:

In Goddes Nome“ und bekreuzigte sich.

Text: Reinhold Franz-Reisert

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