Unsere Dialekte sind eine der direktesten Möglichkeiten uns regional zu verorten. Mal ist der Dialekt verpönt, mal ist der Dialekt modern als Ausdruck von Identität oder als Stilmittel in Popmusik und Literatur. Immer jedoch ist der Dialekt, oft schon von Ort zu Ort verschieden gefärbt, eine Möglichkeit die eigene Herkunft klar zu definieren.
Jedoch gehören die Dialekte auch zu einer Sprachform, die oft unzureichend oder gar nicht dokumentiert ist, denn die Überlieferung in Schriftform oft kompliziert, ist doch der Dialekt einfach auch sehr direkt mit dem „Zungenschlag“ verbunden. Sicher gibt es seit Jahrzehnten auch wissenschaftliche Forschungen dazu, doch sinkt die Zahl der Menschen, die Dialekt als ihre „Muttersprache“ ansehen. Heute ist es wohl eher die Sprache, die wir vielleicht noch von unseren Großeltern lernen.
Diesem Problem widmet sich seit vielen Jahren der Wenigumstädter Karl-Dieter Jakob. Nicht nur ist er Organisator von Veranstaltungen, in denen eben Dialekt gesprochen wird, auch ist er ein umtriebiger und neugieriger Mensch, der auch vor aktuellsten Technologien nicht zurückschreckt.
Dies führte ihn mit Dr. Jan Millemann, Professor für Betriebswirtschaft an der TU Darmstadt, zusammen. Mit einer Gruppe Betriebswirtschaftsstudentinnen und Studenten entwickelten die beiden Projektinitiatoren eine APP, mit der man zu über 3000 Dialektwörtern die Tonaufnahmen auf komfortable Weise sammeln kann, oder wie Karl-Dieter Jakob es nennt, den Dialekt „abmelken“ kann.


In der vierten „Coffee Lecture im Digitalladen“ war er nun zu Gast und präsentierte das Projektergebnis, die App „Dialekta“, die als ein erster Schritt zu begreifen ist. Wie es zu diesem Projekt kam und warum das Thema ihn begeistert, haben wir Karl-Dieter Jakob gefragt:

Heimatdata: Du kommst aus Wenigumstadt, war der dortige Dialekt deine erste „Fremdsprache“ oder deine „Muttersprache“?
Karl-Dieter Jakob:
Im Dessauer Gymnasium in der 5. Klasse war Englisch meine erste Fremdsprache. Schriftdeutsch kam gleich danach auch noch auf mich zu. In einem Umfeld von Kleinbauern, Bauhandwerkern, Feuerwehrmännern usw. gab es nur den Dialekt. Selbst die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 hatten ihn angenommen. Und auch die ersten Italiener im Dorf babbelten gefühlt so.
Heimatdata: Dialekt ist ja auch eine sehr persönliche Sache. Ist dein Dialekt auch deine Alltagssprache, mit der man dich auch in Hamburg oder München als Wenigumstädter erkennt?
Karl-Dieter Jakob:
Zum Glück war der „Fremdsprachenunterricht“ Deutsch zwar kostenlos, aber nicht ganz umsonst bei mir. Beruflich hatte ich später sehr viel in ganz Deutschland zu tun. Natürlich merkte man den typischen Akzent. Wenn man mich oftmals nicht verstehen wollte, lag das aber kaum an sprachlichen Wirren. Zudem konnte ich, meine ich, ganz gut die jeweiligen Dialekte, die örtlichen Begrifflichkeiten usw. dosiert annehmen.
Heimat:data: Sprichst du mit deinen Kindern und Enkelkindern auch Dialekt und gibt es ein Lieblingswort, dass sich diese bei dir abgehört haben?
Karl-Dieter Jakob:
Die eigenen Kinder blieben und bleiben davon komplett nicht verschont. Die zwei Enkel im Raum Würzburg wären mit meinem Dialekt komplett überfordert. Da kommen höchstens mal ein paar Happen, die der Oberlehrer in mir gleich in allen Herleitungen erklärt. Das Kosewort „Mindsekadds“ zum Beispiel wurde jüngst überhaupt nicht als solches akzeptiert. Die drei Enkel in Wenigumstadt mussten da auch durch. Die Jüngste musste „ennäirisch“ im Zusammenhang mit „lauter unnötiges Gerede“ lernen. Es ist heute noch ihr einziges Wort, das sie beherrscht – und selbst das klingt irgendwie falsch, wenn sie es wiedergibt.
Heimat:data: Warum hast du angefangen, dich intensiver mit der Dialektforschung und Dokumentation zu beschäftigen? Seid ihr als Gruppe aktiv, oder hast du Mitforschende bei dir in der Umgebung?
Karl-Dieter Jakob:
Ich war schon immer irgendwie jemand, der Sprache hinterfragt hat. Meine Mutter erzählte später, dass ich beim Aufzählen des Alphabets immer gefragt habe, was der „VW“ im ABC macht. Wir hatten im Gymnasium einen Lehrer, den wir nur in Vertretung hatten. Er nutzte die Stunde, um uns nach der Herkunft von Fremdwörtern zu fragen und zu belehren. Das war neben Sport so ziemlich das einzige, wo ich gerne mitgemacht habe. Mit der einen oder anderen Fremdsprache habe ich mich im Laufe der Jahre auch hobbymäßig beschäftigt. In Latein zum Beispiel bin ich ein Spätberufener. Als 2023 das Mundartbuch von Edmund Jakob herausgegeben wurde und er es im Vorwort bedauerte, dass ihm Tonaufnahmen leider technisch nicht möglich sind, dachte ich mir: „Dem hilfst du!“ Heute sind alle 50 Geschichten von verschiedenen Leuten vertont. Am umfassenden Wörterbuch arbeiten wir halt jetzt mit „Dialekta“. In Oberbayern auf einer Tagung konnte man mit „MundartMelkMaschine“ aber gleich mehr als Logo anfangen Es war vorher nicht möglich, ich kannte zumindest keine Möglichkeit, das alles strukturiert zu tun. Ja, wir arbeiten sozusagen in einer sporadisch verstärkten 1-Mann-Gruppe in Wenigumstadt. Aber einige ähnlich Gepolte in der Region warten schon darauf, dass sie auch deren örtliche Milch zur Molkerei bringen können. Ewald Lang in Großostheim sei als Beispiel genannt. Er hat umfassende Wortsammlungen parat, die auf Vertonung warten. So gibt es zwischen Miltenberg und Alzenau einige, die man noch nennen könnte. Der Prophet im eigenen Lande bleibt einsam.
Heimat:data: Du bist aktuell dabei, mit eurer APP den Wenigumstädter Dialekt zu dokumentieren. Was wird daraus im besten Fall weiter entstehen?
Karl-Dieter Jakob:
Meine Forderung – soweit man an freiwillige, unentlohnte Helfer Forderungen stellen darf: Die App muss offen gehalten werden, jeder soll drauf sprechen können. Jeder andere Ort, jeder Dialekt soll „abgemolken“ werden können, sofern ein Mundartwörterbuch existiert. Notfalls könnte man im Kahlgrund aber auch versuchen, die Wenigumstädter Begriffe und Ausdrücke halt im dortigen Slang drauf zu reden. Vielleicht kann Heimat:Data zukünftig auch als Plattform für solche Tondokumente dienen. In der Vision lernt die KI unseren Dialekt mittels der vorhandenen schriftlichen Texte, des Wörterbuchs und die zugehörigen Audios. Dann könnten in einer Art „After Life Science“ die Enkel und Urenkel mit einem Avatar, dem „Ur-Willschenimschder“ auf dem Bildschirm, oder gar als Humanoiden Roboter über die Geschichte und allem Sonstigen im Dialog reden. Wenn dann auch noch das Gemeindearchiv digitalisiert, transkribiert und so weiter ist, dann antwortet der „Kall“ vielleicht sogar mit Weisheiten, die heute noch gar keiner aus der Vergangenheit kennt. Und dann sind da auch noch ernsthafte Nutzungspotenziale, Stichwort Pflegeroboter. Ich werde im Altersheim lieber gleich von einem solch trainierten verstanden und folge ihm eher, wenn er soau babbeld wi isch.
Vielen Dank!