{"id":23106,"date":"2026-08-20T12:55:34","date_gmt":"2026-08-20T10:55:34","guid":{"rendered":"https:\/\/heimathub.de\/?p=23106"},"modified":"2026-08-20T15:25:54","modified_gmt":"2026-08-20T13:25:54","slug":"29-mai-1991-verheerendes-zugunglueck-in-partenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/heimathub.de\/29-mai-1991-verheerendes-zugunglueck-in-partenstein\/","title":{"rendered":"29. Mai 1991: Verheerendes Zugungl\u00fcck in Partenstein"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Beitrag von Reinhold Franz-Reisert, Lokf\u00fchrer a.D.<\/strong><\/p>\n<p>Am 29. Mai 1991 ereignete sich in Partenstein, Landkreis Main-Spessart, der Zusammensto\u00df eines Kesselwagenzuges mit Benzin und eines Kohlestaubzuges. Umfangreichen Sicherungs- und Bergungsarbeiten waren n\u00f6tig. Das ausgelaufene Benzin sch\u00e4digte die Umwelt und das Wassereinzugsgebietes um Partenstein auf unabsehbare Zeit.<\/p>\n<p>In einem Erlebnisbericht schildere ich mein Zutun und meine Eindr\u00fccke und erg\u00e4nze dies mit Artikeln aus dem Main Echo vom 31. Mai 1991, 01.06.1991 und 28.05 2011.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, der 25. Mai 1991<\/strong><br \/>\n<strong>Ein Tag vor Fronleichnam<\/strong><\/p>\n<p>Ich war als Schiebe-Lokf\u00fchrer der Deutschen Bahn mit weiteren f\u00fcnf Kollegen in Laufach bei<br \/>\nAschaffenburg eingesetzt. Einem Dorf am Fu\u00dfe des Spessarts.<br \/>\nUnsere \u201eBereitschaftsbude\u201c war ein H\u00e4uschen, f\u00fcnf Gehminuten vom Bahnhof Laufach entfernt. Ein<br \/>\nkleines Anwesen, das wir hegten und pflegten. Blumen verzierten die Fenster, das Gras wurde kurz<br \/>\ngehalten, ein Kollege hatte gar ein Tomatenbeet angelegt. Unterst\u00e4nde f\u00fcr Zweir\u00e4der und<br \/>\nRasenm\u00e4her wurden von uns gebaut.<br \/>\nZwei Elektrolokomotiven der Baureihe 150, Sechsachser-Drehgestellloks, 128 Tonnen schwer und<br \/>\nzwanzig Meter \u00fcber die Puffer gemessen, standen in einem Gleisstutzen vor dem H\u00e4uschen und<br \/>\nwarteten auf ihren Einsatz.<br \/>\nNach dem Bahnhof Laufach schl\u00e4ngelten sich die Gleise auf der Hauptstrecke Frankfurt-W\u00fcrzburg<br \/>\nsechs Kilometer den Berg hinauf, bis sie im Schwarzkopftunnel Heigenbr\u00fccken verschwanden. Ein<br \/>\nDurchstich, 936 Meter lang, der im Zuge des Gleisbaus \u00fcber den Spessart durch den Berg getrieben<br \/>\nworden war. Imposante Portale begrenzten die Eing\u00e4nge des Tunnels, an denen mit r\u00f6mischen Ziffern &#8211; MDCCCLIV &#8211; die Er\u00f6ffnungszeit der Eisenbahnstrecke von 1854 geschlagen war.<br \/>\nZweiundzwanzig Promille betrug die Steigung der Strecke. F\u00fcr Schienenfahrzeuge eine<br \/>\nHerausforderung. G\u00fcterz\u00fcge schafften die \u201eSpessartrampe\u201c oft nur mit einer Schiebelok am Schluss<br \/>\ndes Zuges.<br \/>\nEs war 20: 30 Uhr.<br \/>\nMeine Nachtschicht hatte um 19: 00 Uhr begonnen und ich sa\u00df auf dem F\u00fchrerstand meiner E-Lok.<br \/>\nIch erschrak, wie jedes Mal, wenn der Funklautsprecher die Nachricht des Lokf\u00fchrers des<br \/>\nherannahenden Zuges von der Decke br\u00fcllte.<br \/>\nSobald der mit Kohlestaub beladene 57169 im Bahnhof stand, fuhr ich an seinen Schluss. Der<br \/>\nLokf\u00fchrer der Zuglok gab mir \u00fcber Funk ein Zeichen zum Start und wir bef\u00f6rderten diesen<br \/>\nschwerf\u00e4lligen, widerspenstigen, vor sich hin knurrenden Koloss aus Stahl den Berg hinauf.<br \/>\nDer n\u00e4chste G\u00fcterzug, der meine Hilfe ben\u00f6tigte, war der 57669. Ein 1760 Tonnen Kesselwagenzug.<br \/>\nJeder Wagentank war mit 60 000 Litern Superbenzin bef\u00fcllt.<br \/>\nEs war 21: 45 Uhr.<br \/>\nIch erfuhr vom Fahrdienstleiter Kilian, dass die Strecke \u00fcber den Spessart gesperrt worden war:<br \/>\n\u201eWahrscheinlich hat es einen Aufsto\u00df gegeben.\u201c<br \/>\nDer Lokleiter aus Aschaffenburg rief mich an:<br \/>\n\u201eReinhold, zwischen Wiesthal und Partenstein ist der Kesselwagenzug 57669 auf den Kohlestaubzug<br \/>\n57169 aufgefahren, du musst Rangierleiter und Wagenmeister machen. Bernhard Lampert kommt mit<br \/>\neiner 215 Diesellok zu dir nach Laufach. Meldet euch bei der Oberzugleitung in N\u00fcrnberg. Die sagen<br \/>\neuch, wie es weiter gehen soll.\u201c<br \/>\nEine knappe Stunde sp\u00e4ter: Ein Pfiff und eine 215 Diesellok hielt vor meiner Bereitschaftsbude in<br \/>\nLaufach. Kollege Bernhard tat mir gut, denn er war ein sympathischer, erfahrener, gewissenhafter<br \/>\nLokf\u00fchrer. Ihm konnte ich vertrauen, wenn ich zwischen den Puffern herumkriechen m\u00fcsste, um<br \/>\nLuftschl\u00e4uche zu verbinden oder Kupplungen ein- oder auszuh\u00e4ngen.<br \/>\nDie Oberzugleitung N\u00fcrnberg informierte uns \u00fcber Funk:<br \/>\n\u201eVor Partenstein ist der mit Superbenzin bef\u00fcllte Kesselwagenzug auf den mit Kohlestaub beladenen<br \/>\naufgefahren. Es sind einige Kesselwagen in Brand geraten. Eure Aufgabe ist es, den noch intakten<br \/>\nZugteil vom zerst\u00f6rten zu trennen, dass der nicht auch noch in Brand ger\u00e4t. Ihn zieht ihr zum Bahnhof<br \/>\nWiesthal und stellt ihn dort ab.\u201c<br \/>\nDer Grund des Unfalls:<br \/>\nBeide Z\u00fcge, 57169 und der 57669 waren in ihren jeweiligen Blockabschnitten zwischen den<br \/>\nBahnh\u00f6fen Wiesthal und Partenstein hintereinander zum Stehen gekommen. Die<br \/>\nZugnummernmeldeanlage im Stellwerk Partenstein war ausgefallen. Es gab beim Auftrag des<br \/>\nFahrdienstleiters, am haltzeigenden Signal vorbeizufahren, eine Verwechslung. Und so fuhr der<br \/>\nBenzinzug in das vermeintlich freie Gleis ein und stie\u00df auf den Kohlestaubzug 57169 auf. Der zweite<br \/>\nKesselwagen hinter der Lok war beim Aufprall nach oben abgeknickt und hatte die Oberstromleitung<br \/>\nber\u00fchrt. 15 000 Volt hatten Funken geschlagen und den Brand verursacht.<br \/>\nEs war 23: 00 Uhr.<br \/>\nVerdammt. Lederhandschuhe, eine Signallampe und einen Helm hatte ich bei mir, meine F\u00fc\u00dfe aber<br \/>\nsteckten in gestrickten Socken und Birkenstocksandalen. Die Sicherheitsschuhe hatte ich vergessen<br \/>\nanzuziehen. Die standen wohlbehalten im Spind in der Bereitschaftsbude.<br \/>\nDie Signaltechnik war gest\u00f6rt. Lokf\u00fchrer Bernhard bekam die n\u00f6tigen Befehle zur Vorbeifahrt an den<br \/>\nHalt zeigenden Signalen in Wiesthal vom Fahrdienstleiter Heigenbr\u00fccken \u00fcber Funk diktiert.<br \/>\nBernhard schaute mich an und schnaufte aus. Ich nickte nur. Er fuhr an, den Griff der Zusatzbremse<br \/>\nmit der rechten Hand gefasst, den Oberk\u00f6rper \u00fcber den Stellpult gebeugt, mit den Augen fast an der<br \/>\nFrontscheibe, tastete er sich mit der 79 Tonnen schweren Diesellok durch die Dunkelheit zur Unfall<br \/>\nstelle vor.<br \/>\nDie Nacht war schwarz. Der Mond versteckte sich hinter einer Wolkenwand. Die Sicht war schlecht.<br \/>\nNur die blank gewetzten Fl\u00e4chen der Gleise vor der Lok gl\u00e4nzten im diesigen Licht und teilten den<br \/>\ndichten Wald in zwei H\u00e4lften.<br \/>\nDie Lampen der damaligen Lokomotiven der Bundesbahn hatten kein Abblend- oder Fernlicht. Die<br \/>\nLeuchten der Loks waren nur als Signale gedacht.<br \/>\nEs war 23: 45 Uhr.<br \/>\nEin rotes Licht zeigte uns das Ende des Ungl\u00fcckszuges. Der Einsatzleiter informierte mich \u00fcber den<br \/>\nSachstand der Katastrophe:<br \/>\nDer Benzinzug 57669 sei auf den Kohlewagenzug 57169 aufgefahren. Wir sollten die vier zerst\u00f6rten<br \/>\nKesselwagen abh\u00e4ngen und den Restzug zum Bahnhof Wiesthal in Sicherheit bringen. Die Feuerwehr<br \/>\nsei schon vor Ort.<br \/>\n\u201ePassen Sie auf, die Fahrleitung ist heruntergerissen, sie ist zwar geerdet, aber meiden sie den<br \/>\nKontakt. Trauen Sie sich das zu?!\u201c<br \/>\nDiese Frage stellte sich mir nicht. Ich war hellwach und lief sicheren Schrittes, den Helm auf dem Kopf,<br \/>\nmit einer Taschenlampe und in Jesuslatschen an den Kesselwagen entlang, \u00fcber Schotter und<br \/>\nGestr\u00fcpp durch die Nacht.<br \/>\nUnd endlich, wie in einer anderen Welt: Das Feuer hatte einen freien Platz in den Wald gefressen.<br \/>\nBedingungslos, brutal. Kein Gr\u00fcn, kein Braun. Ein Flutlicht lie\u00df dieses Grauen wie auf einer B\u00fchne<br \/>\nerscheinen. Als w\u00e4re ein Schneesturm in die Kulissen gefahren und h\u00e4tte alles Leben vernichtet. Die<br \/>\nGlut hatte die Kesselwagen in bizarre Formen gezwungen. Hatte einen wie eine Getr\u00e4nkedose<br \/>\ngeknickt. Hatte ihn aufplatzen lassen. Stahl war geschmolzen und wieder erstarrt. Das Feuer, die Hitze<br \/>\nhatte auf die Tanks Farben gezaubert. Die Lokomotive, die 150 048-7 war im Trafobereich nach unten<br \/>\ngesackt. Wie Skulpturen aus Eisen besetzten sie die Szene.<br \/>\nMahnmale des Todes, der Trauer.<br \/>\nDie Feuerwehr hatte den Platz, die Lok und die Kesselwagen mit L\u00f6schschaum abgedeckt, der in<br \/>\nBewegung war, Glutnester freimachte. Stichflammen zuckten aus dem Boden. Die Hitze befiel mich<br \/>\nwie eine Krake. Der Schwei\u00df dr\u00e4ngte aus allen Poren.<br \/>\nFassungslos bestaunte ich diese Asche-Geisterwelt, so als ob ein Schneesturm in den Wald gefahren<br \/>\nw\u00e4re. Es war, als ob ich blankes Benzin einatmete.<br \/>\nHier waren 240 000 Liter Superbenzin explodiert, verbrannt, hatten den Boden geschwemmt und<br \/>\nsollten den Trinkwasserbrunnen der Gemeinde Partenstein f\u00fcr alle Zeiten vergiften.<br \/>\nWir alle hatten einen Klo\u00df im Hals, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass der Lokf\u00fchrer lebend<br \/>\naus dieser Flammenh\u00f6lle herausgekommen war. Erst sp\u00e4ter sollten wir erfahren, dass er dem Ort des<br \/>\nSchreckens hatte entkommen k\u00f6nnen. Er war im letzten Augenblick in den Maschinenraum der Lok<br \/>\ngefl\u00fcchtet, hatte mit den F\u00e4usten ein Fenster eingeschlagen, war ins Freie gesprungen. Er hatte nur<br \/>\nleichte k\u00f6rperliche Verletzungen erlitten. Was in seinem Inneren zerbrochen war, ob ihn Alptr\u00e4ume<br \/>\nqu\u00e4lten und ihn \u00c4ngste in Zukunft peinigen w\u00fcrden, mochte ich mir gar nicht vorstellen. In seiner<br \/>\nPanik war er in den Wald gerannt und hatte sich erst Stunden sp\u00e4ter melden k\u00f6nnen.<br \/>\nIch musste mich beeilen und den noch intakten, mit Sprit gef\u00fcllten Zugteil abh\u00e4ngen, sonst w\u00fcrde<br \/>\nvielleicht der n\u00e4chste Kesselwagen explodieren und mich und die Feuerwehrleute g\u00e4be es dann nicht<br \/>\nmehr. Ich kroch zwischen die Puffer der Wagen. Die Hitze erinnerte mich, dass ich ohne<br \/>\nSchutzkleidung war, also nur meinen aus Baumwolle bestehenden schwarzen Dienstmantel trug. An<br \/>\nden F\u00fc\u00dfen die Sandalen. Ein Feuerwehrmann \u00fcberlie\u00df mir seine Spezialhandschuhe. Meine aus Leder<br \/>\nw\u00e4ren am fast gl\u00fchenden Eisen geschmolzen. Ich kroch zwischen die Puffer, drehte die<br \/>\nSchraubkupplung auf und hing sie aus. Die Luftschl\u00e4uche der Bremsanlage hatten sich in Nichts<br \/>\naufgel\u00f6st. Ich z\u00f6gerte: Der Hilfsluftbeh\u00e4lter musste entl\u00fcftet werden, um die Bremse zu l\u00f6sen. Der<br \/>\naustretende Sauerstoff k\u00f6nnte die mit Superbenzin durchtr\u00e4nkte Luft zum Explodieren bringen. Der<br \/>\nmit 60 000 Liter bef\u00fcllte Kesselwagen w\u00fcrde in die Luft fliegen.<br \/>\nMeine Frau Patricia sah ich vor mir, als ob ich mich von ihr zu verabschieden h\u00e4tte.<br \/>\nMit dem Kopf musste ich fast an den Bauch des Tanks, um an den L\u00f6sezug des Bremsventils heran zu<br \/>\nkommen. Der Stahl war gl\u00fchend hei\u00df, der L\u00f6schschaum dampfte und lief mir den R\u00fccken hinunter.<br \/>\nDann zog ich am L\u00f6sezug. Der Wagen schnaufte aus. Stille.<br \/>\nMein Arm wischte \u00fcber die Stirn. Erleichterung. Ich weinte.<br \/>\nEs war 1:00 Uhr.<br \/>\nMein Kollege Bernhard: \u201eWie siehst du denn aus!?\u201c<br \/>\nMein Gesicht schwarz. In Hose, Mantel und Wollsocken waren L\u00f6cher gebrannt. Alles war verdreckt.<br \/>\nDie Birkenstocksandalen konnte ich wegwerfen.<br \/>\nEs war 2: 30 Uhr.<br \/>\nDie Diesellok 215 legte sich ins Zeug, der Zug streckte sich und wir schlichen nach Wiesthal, in<br \/>\nSicherheit. Die restliche Nacht w\u00fcrde die Feuerwehr die abgestellten Wagen \u00fcberwachen.<br \/>\nUngef\u00e4hr um 4:30 Uhr kam ich nach Hause und erz\u00e4hlte Patricia von meinem Abenteuer. Es liefen die<br \/>\nTr\u00e4nen der Erleichterung. Bei ihr konnte ich von meinem inneren Aufruhr herunterzukommen, konnte<br \/>\nmich beruhigen und f\u00fchlte mich besch\u00fctzt und geborgen.<\/p>\n<p><strong>Bildnachweis<\/strong>:<\/p>\n<p><strong>Bild 1,2 und 3:<\/strong> Artikel im Main Echo vom 31.05.1991, Fotos: Elmar Weber<\/p>\n<p><strong>Bild 4 und 5:<\/strong> Artikel im Main Echo vom 01.06.1991, Fotos: Elmar Weber<\/p>\n<p><strong>Bild 6,7,8,9,10,11 und 12:<\/strong> Sicherungs- und Aufr\u00e4umarbeiten an der Ungl\u00fccksstelle, Fotos: Elmar Weber<\/p>\n<p><strong>Bild 13 und 14:<\/strong> Ehrung des Lokf\u00fchrers Reinhold Franz-Reisert durch die Leitung der Deutschen Bahn f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnlichen Einsatz, Quelle: Privatarchiv Reinhold Franz-Reisert<\/p>\n<p><strong>Bild 15 und 16:<\/strong>\u00a0 Artikel im Main Echo vom 28.05.2011, Fotos: Elmar Weber<\/p>\n<p>Urheber der Fotos 1-12 und 13,14: Elmar Weber , Quelle: Privatarchiv Reinhold Franz-Reisert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Reinhold Franz-Reisert, Lokf\u00fchrer a.D. 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